Fachtag 2020

Über Grenzen blicken

Fachtag der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie® am 26. Februar 2020

Während des Fachtages wurde die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über den § 217 StGB verkündet: Das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung wurde als verfassungswidrig erklärt. Zu Beginn des Fachtages stand die Entscheidung noch aus.

Susanne Haller, die Leiterin der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie®, betonte bei der Begrüßung der Teilnehmenden, dass Sterbewünsche von palliativ begleiteten Menschen ein wichtigestes Anliegen darstellen. Der Todeswusch ist dabei nicht absolut und ausschließlich zu sehen, sondern kann durchaus Ausdruck einer Ambivalenz sein. Dahinter kann der Wunsch nach würdevollerem Umgang, mehr Autonomie oder ein „so wie jetzt möchte ich nicht weiterleben“ stehen. Die Äußerung eines Sterbewunsches ist auch ein Zeichen des Vertrauens. Es geht darum, einen Raum für tabufreie Gespräche zu schaffen. Ein geäußerter Sterbewunsch ist primär als Auftrag zur Unterstützung zu sehen, den Auftrag zur Palliative Care- und Hospizversorgung. Diese ist aufgerufen, Sterbewünsche und die Ambivalenzen zu begleiten und die Handlungsalternativen der Palliative Care aufzuzeigen, ohne das Sterben der Menschen zu beschleunigen oder Sterbehilfe zu leisten. Für diese Aufgaben braucht es die gut ausgebildeten Spezialist*innen der Palliative Care-Teams und die Ehrenamtlichen, damit sich die Betroffenen sicher fühlen können.

Ethische Reflexion unterstützt dabei, schwierige Entscheidungen in komplexen Situationen zu treffen. Darüber sprach Dr. Susanne Hirsmüller in ihrem Vortrag „Viele Fragen und die Suche nach Antworten – Auswirkungen ethischer Entscheidungsfindung in Grenzsituationen in der Hospiz- und Palliativarbeit“. Sie leitete viele Jahre das Hospiz am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf. Sie ist Dozentin an der Hochschule Bremen für den internationalen Studiengang Pflege und Ethikerin im Gesundheitswesen. In ihrem Vortrag betonte sie die Wichtigkeit ethischer Fallbesprechungen. Diese tragen in Grenzsituationen in der Hospiz- und Palliativarbeit dazu bei, mehr Sicherheit und ein möglichst umfassendes Bild der Situation zu erhalten. Sie betonte aber auch, was ethische Reflexion nicht leisten kann: Die eine, richtige Antwort finden. Es geht darum, verschiedene Perspektiven zu hören und abzuwägen. Die ethische Prinzipien „Respekt vor Autonomie“, „Fürsorge/ Wohltun“, „Gerechtigkeit“ und „Nicht schaden“ sind im Prozess der Entscheidungsfindung handlungsleitend.

Der zweite Vortrag Über Grenzen gehen – Auswirkungen des nicht-fassbaren Handelns“ wurde von Dr. Christian Schulz-Quach gehalten. Er ist Assistant Professor für Palliative Care und Psychiatrie an der Universität von Toronto. Zuvor lehrte er am King’s College London und war Doktorand in Existentieller Psychotherapie an der New School of Psychotherapy and Counselling, London.

Sein Vortag schloss inhaltlich an den vorherigen an. Nicht selten gehen die Caregiver über ihre Grenzen. Dann werden die Auswirkungen dieser Belastung – des nicht-fassbaren Handelns – spürbar. Dr. Christian Schulz-Quach beschrieb, wie eine sekundäre Traumatisierung entsteht: durch das Mit-fühlen, das Mit-hineingezogen-werden in das erlebte Leid der begleiteten Menschen. Ohne Möglichkeiten der Entlastung führt dies zu einem Stress, der traumatisch bis hin zu pathologisch werden kann. In diesem Zusammenhang sprach Dr. Schulz-Quach von „compassion fatigue“ – von Mitgefühlserschöpfung – und unterstrich die Wichtigkeit von Selbstfürsorge, Mitgefühl für sich selbst und Selbstreflexion für alle in der Palliative Care arbeitenden Menschen.

Die in den beiden Vorträgen angeschnittenen Themen wurden dann in drei Foren am Nachmittag weiter vertieft. Im Forum „Nein danke, ich esse nichts! – Freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken als Form der Selbstbestimmung am Lebensende“ wurde von Frau Dr. Hirsmüller und Frau Margit Schröer geleitet. Frau Schröer ist Psychologische Psychotherapeutin, Psychoonkologin, Supervisorin und ebenfalls Ethikerin im Gesundheitswesen. Anhand eines Films über einen realen Fall (Handout des Forums) wurde der freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken (FVET) mit den Teilnehmenden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Ob FVET als Suizid einzuordnen ist oder nicht, wird unter Fachleuten diskutiert. Die Referentinnen erklärten die Argumente der beiden Seiten und die Folgen der jeweiligen Bewertung.

In einem weiteren Forum ergänzte Herr Dr. Schulz-Quach seinen Vortrag um einen weiteren Aspekt. Unter dem Titel „Am Ende über Grenzen reden – Spezifische Psychotherapien in Palliative Care“ sprach er einerseits über „Existential Palliative Care“ und Psychotherapien am Lebensende, wie beispielsweise die würdezentrierte Therapie.

Der Wichtigkeit von Selbstfürsorge, auf die am Vormittag hingewiesen wurde, wurde mit dem Forum „Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Mitgefühlt im Alltag der Palliative Care-Teams“ von Yesche U. Regel Rechnung getragen. Herr Regel war fast zwei Jahrzehnte buddhistischer Mönch. Im Zentrum des Workshops stand ein Erfahrungsbericht über wissenschaftlich begleitete Projekte zu Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Mitgefühl im klinischen Alltag. Teams von Palliativstationen wurden über einen Zeitraum von zehn Wochen ein Angebot an Begleitung für mehr Achtsamkeit gemacht. Ergebnis war eine Stärkung der Mitarbeitenden im zwischenmenschlichen Kontakt bzw. in der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der Anderen (Artikel zum Thema).

Wie bei den vergangenen Fachtagen auch, ist ein großes Dankeschön auszusprechen an Mike Schweizer, der den Fachtag musikalisch begleitete; an das Catering vom Team des „Kulturwerk“ aus Stuttgart Ost sowie an das Baristamobil „Hibou“ vom Team des Café Kauz in Esslingen. Von diesen wurden wir wieder akustisch und kulinarisch verwöhnt!

Wir danken allen Teilnehmenden, den Referentinnen und Referenten und allen Mitwirkenden im Hintergrund.

Impressionen vom Fachtag

Gefördert von der Addy von Holtzbrinck Stiftung.